Mein Kollege A. hat wieder mal etwas gesagt, was ich mir erst nicht eingestehen wollte, im Grunde aber richtig ist:
„Veganismus ist eine Frucht der westlichen Wohlstandsgesellschaft, in anderen Ländern kannst du Probleme damit kriegen.“
Letzte Woche war ich in Rumänien am Transylvania Calling Festival, tief in der Pampa auf 1800m Höhe. Als wir mit einem Truck den Berg herunterfuhren, machten wir einen kurzen Halt bei einer Grossfamilie, die gerade am Wegrand am grillen war. Die Leute waren fröhlich und ausgelassen, ein älterer Herr kam an unser Fenster und bot uns Ziegenkäse an. Meine Kollege nahmen natürlich dankend an, und ich lehnte ab. Der Mann war erstaunt und sein Gesicht versteinerte sich. Er schaute mich einen Moment lang regungslos an, halb verwirrt, halb beleidigt. Er hielt mir die Gabel mit dem Ziegenkäse nochmal hin. Ich war etwas verwirrt, lehnte jedoch wieder ab. Er sah sehr enttäuscht aus. Ruckartig drehte er sich um und zog wieder ab.
Meine Kollegen starrten mich an und riefen: „Ey Vampir, du hast den jetzt echt beleidigt, hier in Rumänien darfst du doch nichts ablehnen. Das ist, als würdest du bei uns den Händedruck verweigern, nur, dass sie noch viel mehr Wert darauf legen.“
Ich hatte natürlich nicht gewusst, dass Gastfreundschaft hier so viel bedeutete und die Miene des Mannes hatte mich schon ziemlich geschockt.
„Na dann, meinentwegen“, murrte ich widerwillig, „das nächste mal nehme ich halt ein klitzekleines Stückchen und gebe es dann einem von euch ab.“
Doch wie es das Schicksal wieder mal so wollte, kam es anders. (Ja, ich habe das Talent, blöde Situationen anzuziehen wie ein Scheisshaufen die Fliegen anzieht...)
Kollege A. und ich fuhren mit dem Nachtzug nach Bukarest. Wir hatten unsere Plätze in verschiedenen Abteilen, ich sass also alleine mit einer rumänischen Familie zusammen. Sie sprachen kein Englisch, nur ein paar einfache Wörter, doch wir konnten uns mit Händen und Füssen trotzdem verständigen. Plötzlich zog die alte Frau eine Packung Butterkekse aus ihrer Tasche. Ich dachte schon, „bitte nicht!!“, doch es war zu spät, sie bot sie mit grossen Augen an, streckte sie mir entgegen. Ich zögerte und sagte „cow milk allergy“ und zeigte mit gequältem Gesichtsausdruck auf meinen Magen, doch sie schien nichts davon wissen zu wollen und drückte mir einfach einen Keks in die Hand. Verdammt! Ich konnte jetzt nicht anfangen, meine Allergie zu erklären, sie hatte es schon so nicht verstanden, ich wollte keine Missverständnisse, keine beleidigte Gesichter mehr, also bedankte ich mich artig und begann zu essen. Seeeeehr langsam, so dass sie ja nicht auf die Idee kam, mir noch ein zweites anzubieten. Es dauerte ja noch zwei Stunden, bis wir in Bukarest ankamen...na ja. Ich fühlte mich unwohl, ich wollte keine Kekse mehr essen müssen, also verabschiedete mich dann dankend und sagte, ich gehe meinen Kollegen suchen, der im anderen Abteil sitzt.
Nach der Reise habe ich mir schon sehr viele Gedanken darüber gemacht. Veganismus ist wirklich ein westliches/religiöses Phänomen, welches in vielen anderen Ländern total unbekannt ist. Ich täusche ja meistens Allergien vor, da das meistens auf Verständnis stösst, doch da haben wir das Problem der Verständigung: Die Leute verstehen oft kein Englisch, besonders in den ländlichen Gegenden, wo die Gastfreundschaft oft grösser ist und die Leute weniger offen und an Perspektivenwechsel nicht gewohnt sind. Ich habe Angst, dass es dann Missverständnisse gibt, sie es nicht verstehen und es als Beleidigung auffassen. Diese Leute haben einen ganz anderen Bezug zu Fleisch, für sie sind Fleisch und Tierprodukte ein Luxus, welchen sie mit den Ausländern teilen wollen, im Sinne von „seht her, was wir zu bieten haben!“. Es ist schwer für mich, ein Gastgeschenk in solchen Ländern einfach abzulehenen, vor allem, nachdem ich die Miene des alten Mannes gesehen habe. Aber ich denke, dass ich es in Ländern wie Rumänien das nächste Mal trotzdem wieder Allergien versuchen werde, wenn ich merke, dass sie ansatzweise Englisch verstehen, es sollte eigentlich schon gehen, auch mit Händen und Füssen, und wenn nicht, so wie letztes mal, dann haben ich und leider auch die Tiere Pech gehabt...
Ich will nächstens aber auch mal nach Afrika reisen, und dort werde ich es an gewissen Orten nicht wagen, Gastfreundschaft abzulehnen, da dies in vielen afrikanischen Dörfern als Beleidigung der übelsten Sorte gilt!!! Auch wenn es Fleisch gibt (was ja zum Glück nicht allzu häufig ist), werde ich das dann wohl essen müssen?...oder was meint ihr? Wie geht ihr damit um? Was sind eure Erfahrungen beim Reisen?
6 Kommentare:
Aus eignen Erfahrungen kann ich nur sagen, selbst wenn Du Dich sehr gut vorbereitest, stehen hundertprozentig unvorhergesehene Zwischenfälle mit auf der Tagesordnung. Auf alle Fälle sind nicht nur Improvisation gefragt. Auch ein guter Draht zu einer “höheren Macht“ bzw. “höheren Mächten“ kann nicht schaden.
Das erinnert mich an Raucher, die immer wieder Zigaretten auch Nicht-Rauchern anbieten. Wenn ich die dann annehm und nicht rauch sind die sauer ^^
Vllt hilft der vegane Pass oder sowas ähnliches für Allergien.
Du könntest auch nach Indien fliegen (natürlich nur, wenn Afrika nicht fix ist), die verstehen zumindest Vegetarismus (und Kühe sind dort heilig, wobei die das meiste Kuhleder produzieren und dort auch Milch getrunken wird)
Dort gibts auch genügend religiöse Vegetarier (ich weiß aber nicht ob die einen Unterschied zu Vegan machen oder nicht)
Dazu muss ich noch sagen dass auch in Österreich Leute leben, (zB meine Oma) die irgendwas zwischen beleidigt, sauer, enttäuscht und trauig sind, wenn sie ihren Gästen nix anbieten können.
Deiner Argumentation nach müsst ich auch bei ihr Fleisch/Milch essen.
Alternativ könntest du auch nach was anderes fragen (Nein danke kein Schafskäse/Fleisch, aber zu … Wasser/Stroh/Foto/Erde/Reis würd ich nicht nein sagen) Kann auch falsch rüberkommen, kommt halt auf die Situation an und ne fehlende gemeinsame Sprache ist ein ordentliches Handicap.
Oder sagen es ist was religiöses http://www.vegetarismus.ch/religion.htm (Vegetarismus kannst in allen 5 großen Religionen religiös begründen.)
mfG
Peter
Das erinnert mich an diesen Artikel http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,797858,00.html
Ja, Fleisch ist in anderen Ländern was Besonderes. So sollte es auch sein. Es ist ja ein fühlendes Lebewesen und sollte leben können und - wenn überhaupt - mit der nötigen Sorgfalt getötet werden.
Bei uns kann es sich jeder leisten. Es wird zu Dumping-Preisen angeboten, weil es wahnsinng subventioniert wird und weil wir Tiere wie Gegenstände behandeln und buchstäblich am Fließband aufziehen, töten, die Haut abziehen und ausnehmen. Und wegend er Zeitnot geschieht das auch gern mal ohne Betäubung. Das ist nichts worauf wir stolz sein können.
VeganVampire, was ist los mit Dir? Du fehlst uns! Poste doch mal wieder ...
Ich kenne eine Vegetarierin, die letzten Sommer auch in Afrika war und dort auch Fleisch abgelehnt hat. Die Einwohner haben das verstanden.
Bei Käse ist das aber wieder so eine Sache..Veganismus ist ihnen ja völlig unbekannt. Und wenn du das dann auch isst, kannst du dir sicher sein, dass dafür bei denen kein Tier für Milch etc getötet wird.
Ich war oft in Ost- und Mittelosteuropa, und dort ist es ja schon so, dass Fleisch für die meisten Leute eine noch viel grössere Rolle spielt als in der Schweiz (oder überhaupt Mittel-/Westeuropa). Aber es ist mir doch nicht so schwer gefallen, dort vegetarisch zu leben (meine recht guten Sprachkenntnisse halfen natürlich auch). Allgemein ist es so, dass Vegetarismus dort zwar als ziemlich exotisch gilt, aber die meisten Leute können sich darunter schon etwas vorstellen und haben schon davon gehört (es gibt sogar auch dort einen kleinen Prozentsatz von Vegetariern, ich lernte einmal eine Vegetarierin kennen).
Damals ernährte ich mich noch nicht weitgehend vegan (auch jetzt bin ich noch nicht ganz konsequent), das wäre sicher schwieriger. Vom Veganismus hörten die meisten Leute aus gewissen Ländern (Osteuropa, Zentralasien) zum ersten Mal, als ich ihnen davon erzählte. Dass man Käse ablehnt oder Milchprodukte ablehnt, mag deshalb vielen Personen seltsam vorkommen. Aber meiner Meinung nach soll man das ruhig tun, es könnte ja auch sein, dass man gerade überhaupt keinen Appetit hat oder die betreffende Speise nicht mag, so können es die Leute ja auch verstehen.
Wenn es keine gemeinsame Sprache gibt, in der man sich verständigen kann, wird natürlich alles schwieriger. Für mich wäre das aber kein Grund, etwas zu essen, was gegen meine Überzeugungen ist. Ohne gemeinsame Sprache kann es sowieso Missverständnisse geben.
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